E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium

Verschlungene „Wege“ führen am Ende zum Bildschirm

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Mit Abstand die ungewöhnlichste Aufführung eines P-Seminars Theater

Unter dem Thema „Wege“ hatte sich das P-Seminar Theater 10 Szenen vorgenommen, die im Laufe des letzten Jahres besprochen, geschrieben, verworfen, überarbeitet, geprobt, mit Requisiten und Kostümen versehen wurden – um dann beinahe nicht aufgeführt zu werden.

Ziel eines jeden P-Seminars sollte die Durchführung eines Projekts mit einem Projektergebnis und einer entsprechenden Präsentation am Ende sein. Bei den Theaterseminaren wird das Ergebnis naturgemäß auf der Bühne präsentiert. Doch bei diesem Seminar war alles anders, und so fand die Aufführung virtuell statt – die vom Seminar selbst entworfenen Szenen wurden in einer Videokonferenz per Film oder sogar live vor einer sehr eingeschränkten Öffentlichkeit aufgeführt. Ein ungewöhnlicher, aber durchaus anspruchsvoller Beleg der geleisteten Arbeit.

Dabei hatte es das Seminar von Anfang an nicht leicht, war es doch aus zwei Interessensgruppen zusammengelegt worden: Den „Theaterleuten“, die mit Frau Morcinek ein Schauspiel auf die Bühne bringen wollten, und den „Technikern“, die eigentlich ein Seminar Veranstaltungstechnik bei Herrn Stübinger gewählt hatten. Schon während des Berufsorientierungs-Teils wurde klar, dass die beiden Gruppen sich ergänzen könnten, und es wurde angedacht, das Dramatische durch bewussten Einsatz von Bühnen-, Licht- oder Tontechnik zu ergänzen. Und wie prophetisch scheint es in der Rückschau, dass gleich zu Beginn ein Workshop zu einem „ferngesteuerten Theater“ stattfand. Der Schweizer Yves Regenass informierte und begeisterte die Mitglieder im Februar 2020, indem er zeigte, wie man die Schauspieler/innen über PC und Videokamera mit Befehlen steuern kann, wodurch eine Art Computerspiel entsteht, das live mit echten Personen gespielt wird. Hätte die Truppe die Dauer und die Härte der Abstandsregeln des kurz darauf folgenden Lockdowns und des folgenden Jahres geahnt, hätte sie sich wohl genau für diese Variante des Distanztheaters entschieden.

Zunächst aber wurden alle mitten in den inhaltlichen Vorbereitungen zur Schauspielarbeit unterbrochen, die erst wieder im Mai fortgesetzt werden konnten, dann aber konzentriert. Schnell war mit „Wege“ ein Titel gefunden, unter dem sich unterschiedlichste Szenen subsummieren ließen: Wohin führt der Weg nach dem Abitur? Welchen Weg schlägt uns das Böse vor? Gehe ich meinen eigenen Weg oder lasse ich mir den Weg diktieren? Natürlich fand auch Corona und die damit verbundenen Aspekte Eingang: Rotkäppchen missachtet die Abstandsregeln, Querdenker verbreiten Verschwörungstheorien, Großeltern können ihre Enkel nicht mehr sehen. Die Proben fanden mal mit, mal ohne Maske, mal drinnen, mal draußen statt – ganz nach den ständig wechselnden Vorschriften des Sommers 2020. Was allen aber klar war: Es würde keine normale Aufführung geben, die Truppe musste mit vielen Szenen an unterschiedlichen Orten mit kleinem Publikum planen, weswegen die Szenen im Treppenhaus, in Klassenzimmern, in der Kapelle, in der Turnhalle, im Werkraum usw. angelegt wurden. Die „Techniker“ mussten inzwischen auch als „Schauspieler“ einspringen, die von Paula Rölling übernommene Logistik der Szenenabfolge wurde immer wichtiger. Im Herbst wurde dann nur noch mit Maske geprobt, die Hoffnung auf eine „Wandelaufführung“ blieb aber. Im November spielten wir mit dem Gedanken, nur für Familienmitglieder oder Klassenkameraden zu spielen, doch spätestens Mitte Dezember war klar: Es wird wohl keine Aufführung geben. Schnell wurden noch ein paar Szenen mit Maske gefilmt, dann kam der erneute Lockdown, der die Arbeit von 9 Monaten bedrohte.

Was an dieser Stelle gesagt werden muss: Die Mitglieder dieses Seminars blieben bis zum Schluss bewundernswert dabei. Irgendwann hatten alle schon so viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt, dass jetzt auch – allen Widrigkeiten zum Trotz – eine Aufführung stehen musste. Und die gab es dann am 15.1.2021 in einer Videokonferenz, an der auch interessierte Lehrkräfte und die Schulleitung teilnahmen. Dafür wurden Szenen noch ein letztes Mal umgeschrieben, in eine völlig neue Umgebung gesetzt (die Schule durfte ja nicht mehr betreten werden) oder sogar live aufgeführt. Die „Wege“ wurden noch ein letztes Mal abgegangen, und der Applaus erfolgte über die Mikrofone der Teilnehmer der Videokonferenz.

Inhaltlich können nur Schlagworte das wiedergeben, was aufgeführt wurde: Ein Teufel, der einem 3 Wege zur Auswahl stellt (sehr eindrucksvoll Timo Eichfelder); eine engagierte Großmutter (Vanessa Hübner), die ihre Enkelin (Lina Schiller) auffordert, ihren eigenen Weg zu gehen; Eine überforderte Abiturientin (Johanna Heinrich), die sich ihrer Familie verpflichtet fühlt; Jonas Schmittlein gibt eine Deutschstunde unter dem Thema „Wege zur Lyrik“, Viktor von Ilberg und Emil Scheibke beschreiten querdenkerische Wege bei der Deutung der Corona-Krise, während sich Lina Schiller und Jule Bätz als Großmutter und Rotkäppchen auf den Weg der Erkenntnis machen müssen, dass AHA-Regeln doch sinnvoll sind. David Brütting gibt ein agiles Virus und Hans Staudigel gute Tipps. Schließlich bewegen sich ein Vater (Stefanos Pachidis) und ein Sohn (Lara Pfister) in der Sicht der Zukunft immer weiter auseinander, illustriert durch das Klettern an Sprossenwänden. Den Schluss bildet Stefanos Pachidis, der sich fragt, von welchem Punkt er sein Leben aus sehen und leben soll. Zwei Filme sind auch produziert worden, nämlich wie in den Gedanken einer Person ein Text entsteht (Vanessa Hübner, Anton Krug, Hans Staudigel), sowie ein Zusammenschnitt der Wege der Mitglieder des Seminars.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Theater nach wie vor unvorhersehbar bleibt und alles an Kreativität fordert, was man liefern kann. Und, dass man auch online Theater spielen kann – und das gar nicht mal schlecht – mit Requisiten, Schminke und auf räumlich getrennten Bühnen. Es bleibt aber auch der Dank an ein Seminar, das es wirklich nicht leicht hatte, dem es von den beiden Leitern auch nicht leicht gemacht wurde, das aber trotzdem bis zum Schluss durchgehalten hat. Respekt für diese ungewöhnliche Aufführung!

 

 Text und Bilder: Martin Stübinger