E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium

Jüdisches Leben in Bamberg

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Eine Spurensuche der Klassen 9r und 9q

Wer Bamberg erkundet, findet Kirchen und Museen, Brauereien und Bierkeller, mittelalterliche Bauwerke und barocke Fassaden, Weltkulturerbe und moderne Kunst. Wer mit wachen Augen unterwegs ist, sieht vor manchen Gebäuden „Stolpersteine“ liegen – ebenerdige Denkmale aus Messing, mit denen der Künstler Gunter Demnig an Menschen erinnern will, die während der NS-Diktatur vertrieben und ermordet wurden: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“
Damit dies nicht geschieht, stehen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 9r und 9q am Ende ihrer Stadtführung mit AGIL vor dem letzten selbstgewählten Aufenthaltsort der Familien Forchheimer und Schapiro in der Keßlerstraße 18 und lesen: „Hier wohnte Ruth Schapiro. JG 1925. Deportiert 1941 Richtung Osten. Für tot erklärt.“ 16 Jahre durfte Ruth nur werden, einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend musste sie unter dem NS-Regime verbringen, das ihr Leben mehr und mehr einschränkte und am Ende brutal vernichtete.
Erinnern, nicht vergessen, sensibel und wachsam bleiben, kämpfen gegen jede Form von Ausgrenzung, Entrechtung und Diskriminierung, die immer noch funktionierenden Ausgrenzungs- und Unterdrückungsmechanismen gegenüber Minderheiten durchschauen und durchbrechen - das ist nun die Aufgabe gerade der jugendlichen Zuhörer/innen, so die Botschaft von Jost Lohmann am Ende des Rundgangs, dessen vorletzte Station ganz bewusst das Mahnmal für Widerstand und Zivilcourage zwischen Harmoniegarten und E.T.A.-Hoffmann-Platz bildete.

Begonnen hatte die Stadtführung am Pfahlplätzchen zu Füßen des Doms, denn die Geschichte des jüdischen Lebens in Bamberg ist fast so alt wie das Bistum selbst und geprägt von wechselnden Phasen des weitgehend friedlichen Miteinanders bis hin zu gezielter Ausgrenzung und Verfolgung. An die erste jüdische Siedlung im 11. Jahrhundert mit Synagoge und Judenschule erinnert eine Gedenktafel an der ehemaligen Marienkapelle. Dass – einige Schritte weiter - für den Namen „Sonnenplätzchen“ ein jüdisches Badehaus in der Nähe der Schranne verantwortlich ist, war sicherlich für viele neu. Es folgten weitere Standorte, im frühen 15. Jahrhundert in der Hellergasse, nun schon an den wenig attraktiven Stadtrand abgedrängt, oder nach dem Dreißigjährigen Krieg im Bereich der Langen Straße/Generalsgasse, denn um dieses entvölkerte Viertel wieder aufzufüllen, waren Juden willkommen. Eine neue Zeit begann mit dem Anschluss Bambergs an das Königreich Bayern Anfang des 19. Jahrhunderts. Doch auch hier gab es - bei aller rechtlichen Gleichstellung, Emanzipation und Assimilation - weiterhin Einschränkungen, Zurücksetzungen und im Kaiserreich ab 1871 auch zunehmenden Antisemitismus, dem zum Trotz viele jüdische Männer 1914-1918 voll Stolz für ihr Vaterland in den Krieg zogen. Wie Hohn und Spott klingt es, wenn bei der Einweihung der fünften Synagoge 1910 an der Herzog-Max-Straße der Bamberger Oberbürgermeister versprach, das neue Gotteshaus „in Schutz und Obhut“ zu nehmen – und nur 28 Jahre später in der Reichspogromnacht die Feuerwehr tatenlos zusah bzw. zusehen musste, wie der Prachtbau niederbrannte. Über den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, der an diesem Tag so schwer zusammengeschlagen wurde, dass er wenige Wochen später an den Folgen der Misshandlungen starb, hatte man am Tag zuvor einen aktuellen Bericht in der Zeitung lesen können. In der nach Willy Lessing benannten Straße steht seit 2005 für die Israelitische Kultusgemeinde eine neue Synagoge (nach einem Provisorium nunmehr die siebte). Seit 2015 hat sich zudem eine zweite, liberale Gemeinde um die Rabbinerin Antje Yael Deusel gebildet.

Ja, es gibt in Bamberg leider nur noch wenige Spuren der jüdischen Geschichte, die man zudem ganz gezielt suchen muss, aber trotz all der schlimmen Ereignisse auch wieder ein lebendiges jüdisches Leben sowie vielfältige Formen des interreligiösen Dialogs.
Und mit diesen hoffnungsvollen Gedanken schließt sich der Kreis, der mit der Behandlung von Lessings „Nathan der Weise“ und der Besprechung der „Ringparabel“ im Deutschunterricht während des Distanzunterrichts begonnen hatte…

(Angela Kestler für die Klassen 9r und 9q)