E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium mit Lang- und Kurzform

Vorlesung FE4R

Das P-Seminar Theater des E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums lädt zu seiner Eigenproduktion „Vorlesung FE4R“ ein.IMG 4929

Am 18. Und 19. Januar um 19:30 präsentierten die Seminarteilnehmer eine Vorlesung der etwas anderen Art, denn mit Hilfe von theatralen Experimenten wurde versucht, dem Wesen der Angst auf den Grund zu gehen.

Kritik

Kritik

... to fear the worst oft cures the worse! (Shakespeare)


Prof. Dr. Rainer Wahnsinn hat zu seiner Vorlesung zum Thema „Angst“ in den Hörsaal 413 geladen. Für die zahlreich erschienenen Zuhörer offenbart sich in den folgenden kurzweiligen 60 Minuten eine ausgefeilte, tiefsinnige Begegnung mit dem Thema, das sich alles andere als trocken erweist– wird man doch mit einer Vielzahl von Ängsten konfrontiert, die einem persönlich nahe gehen und zuletzt vielleicht selbst in Angst und Schrecken versetzen – auf jeden Fall aber die Tiefen des Themas gelungen ausloten.
Persönlich – das war sie wohl auf jeden Fall die Auseinandersetzung der Probanden des P-Seminars von Christina Morcinek. Zehn Schülerinnen und Schüler beleuchten das Thema „Angst“ mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen tiefgründig und vielschichtig. Sie führen eigene Texte zu einer schlüssigen Gesamtkomposition zusammen und inszenieren daraus gelungen ein eigenes Stück. Das persönliche Element merkt man jeder der einzelnen Szenen, die sich im Rahmen einer Versuchsreihe des überzeugend trocken und verwirrt agierenden Professors Dr. Wahnsinn (Vincent Niemetz), abwechslungsreich und vielschichtig offenbaren, deutlich an.
Bereits die Begrüßung zur Vortragsreihe vermittelt, wie es sein kann, wenn man an Lampenfieber leidet. Überzeugend und verstörend, weil man im Regelfall von Moderatoren ein souveränes Auftreten erwartet, stellt gleich zu Beginn Alina Kraus als Moderatorin ihr „Lampenfieber“, ihre Versagensangst, auf großer Bühne bloß und bestürzend in den Raum. Bereits dieser nachdenklich stimmende Einstieg lässt den Zuschauer über gesellschaftliche Erwartungen zum Thema nachdenken und leitet damit geschickt zum darauffolgenden, nüchternen Überblicksvortrag des Professors zu Ursachen und Verlauf, aber auch zu Formen von Angst über.
Nach diesen theoretischen Überlegungen betreten dann zum ersten Mal alle Probanden des Professors die in grau-weiß sehr nüchtern gestaltete Arzt-Zimmer-Szenerie. Die grün-weiß gehaltene Liege erinnert an die altbackene Atmosphäre der 60er, Arztkittel, einige Bücher und wenige sparsame Requisiten lassen ein klares Bild eines „Versuchslabors“ entstehen. Das durch einen silber-transparenten Vorhang abgetrennte Wartezimmer enthält die obligatorische Grünpflanze.
Es werden nun chorisch einzelne Ängste der Probanden benannt – jeder hat seine eigenen Sorgen. Das Monster aus dem Kleiderschrank erscheint noch harmlos im Gegensatz zu Versagensängsten, Angst vor dem Verlust von geliebten Personen, Flugangst und vielen weiteren Phobien – oder vielleicht ist es ja doch nicht harmlos, dieses Monster? Was, wenn es heraussteigt und mehr als Pullis frisst? Noch ist dem Publikum zum Lachen, wenn die Physiognomie der Angst lehrbuchmäßig vorgetragen und von allen Probanden anschaulich umgesetzt wird. Aber nach dieser anfänglichen Gruppenunterweisung werden die gleichförmig ausstaffierten Versuchsteilnehmer, jeder trägt eine schwarze Hose und ein graues T-Shirt mit seiner Versuchsreihenzahl, einzeln mit ihren Ängsten konfrontiert – vielleicht um sie zu überwinden?
In eindrucksvollen Bildern entsteht nun ein Potpourri an Szenen, die verschieden Ängste abwechslungsreich und hintergründig offenbaren, die jeweils das richtige Maß an Panik, Ruhe, Stille und Entsetzen zu vermitteln vermögen. Nie wird es – trotz aller Schwere – zu viel. Lachen ist erlaubt – an manchen Stellen nicht möglich.
So gleich zu Beginn, wenn eine Schülerin dem drohenden Blick ihres strengen Lehrers (sehr sicher und „erschreckend“ glaubhaft dargestellt von Leopold Keller) zum Opfer fällt und sich unter dem hämischen Spott der Mitschüler in einer Abfrage beweisen muss. Ihr Versagen – unglaublich offen und verletzlich von Alina Kraus verkörpert - wird für alle Zuschauer eine Qual und ist sicherlich Mahnung an den Berufsstand Lehrer genug. Da mutet die Flugangst, die szenisch geschickt in einem Flugzeug-Start-Szenario mit leicht-fröhlicher Musik daherkommt und von allen Teilnehmern pantomimisch ansprechend und fast heiter vermittelt wird, noch weniger bedrohlich an. Dass allerdings eine Mutter, die ihrem Kind nur die Episode vom „Fliegenden Robert“ aus dem so bekannten Struwwelpeter vorliest, für eine solche Angst verantwortlich ist, machen André Petrick und Lisa Jakobi anschaulich klar. Das Kind wird dieses Trauma nicht wieder los. Glaubhaft und gestisch sowie mimisch sehr fein nuanciert verkörpert André Petrick die kindlichen Ängste und stellt die nächtliche Bedrohung und die Steigerung des Gefühls zur Phobie dar, die sich aus dem eindringlichen Vortrag seiner Mutter ergibt. Lisa Jakobi brilliert nicht nur hier mit ihrer klaren, einprägsamen Intonation und der späteren Verkörperung des fliegenden Roberts.
Bleiben wir gleich in der Luft, wenngleich vorher noch Freunde um ihre Freunde bangen, alle Probanden zugleich noch einmal Ängste vor Liebeskummer, vorm „Nicht-Gesehen-Werden“, vor Ablehnung durch Mitmenschen in eindrucksvollen Bildern präsentieren.
Die Höhe kann einem gleichfalls die Luft abschnüren – wenn man vom Professor mitten auf eine Felsspitze gestellt wird und in der Höhe um sein Überleben und mit der Angst kämpft. Dominik Rögner und Chiara Frinke präsentieren diese Angst vor dem Fallen – glaubhaft, individuell - indem sie sich auf zwei engen Getränke-Kisten miteinander vor dem Fallen bewahren wollen. Die Gedanken werden von beiden vielschichtig unter Einsatz von beeindruckender Mimik und haltesuchender Gestik verkörpert. Kompliment für diesen überzeugenden Part auf dem Drahtseilakt. Den gilt es auch zu bewältigen, wenn im Folgenden die Angst vor dem Krieg thematisiert wird. Hier den richtigen Weg zu finden, das Thema – in einem Szenario voller Gefallener, am Boden liegender Kriegsopfer - angemessen zu vermitteln, ist sicherlich nicht einfach. Bravourös trifft hier Leopold Keller als Kriegsversehrter den richtigen Ton, das Entsetzen und die Verzweiflung des „Übriggebliebenen“ angemessen, eindringlich und vor allem nachdenklich stimmend zu präsentieren.
Dies gelingt aber auch der nächsten Probandin – in einem nicht weniger eindringlichen Bild. Rona Özalp verkörpert die Angst vor der Enge so glaubhaft, zerbrechlich und mimisch überzeugend, dass man spätestens jetzt die Versuchsreihe abbrechen und die Probanden erlösen möchte.
Die Stimmungen werden aber nicht nur durch das facettenreiche Spiel der Darsteller übertragen. Sicherlich tragen auch die sehr feinfühlig ausgelotete Musik- und Lichtuntermalung – die vom jungen Technikteam  (Simon Heiß, Paul Küffner und Jakob Hannusch unterstützt von Vincent Niemetz) souverän gestaltet werden - zu solchen Gänsehaut-Momenten bei, mit denen es hier noch nicht zu Ende ist.
Was nun folgt ist unerwartet, aber unerwartet stimmig und beeindruckend, denn es wird offenbar, dass Angst nicht nur in gesprochener Form zu verkörpern ist. Ein Tanz – auf die Bühne gebracht von Lorena Kühne und zwei Gast-Tänzerinnen (Charlotte Chlistalla, Anna Sophia Stein) vermittelt den Kampf des Individuums gegen und mit seinen Ängsten. Lorena Kühne beherrscht diese Auseinandersetzung zwischen ihren Gegnern, sie tanzt, kämpft, bewegt sich im Widerspiel von Widerstand und Unterlegenheit – ein atemberaubender, erschreckend wunderschöner, ein hoffnungsloser Kampf?
Hoffnungslos sind weitere Kämpfe auf der Bühne allemal… Probanden, die scheinbar irre gegen ihre Irrenärzte kämpfen (überragend spielt hier Laura Slovacek), um ein für ihre Freundin lebenswichtiges Telefonat zu führen, und verlieren. Ebenso verlieren Probanden, die am Telefon um Hilfe flehen, man möge sie vor ihren Ängsten retten (Lorena Kühne offenbart gelungen dieses Szenario). Verliert zuletzt auch noch Prometheus gegen die Götter? – Oder ist das Wesen das hier im Schwarzlicht unter seiner Regie, auf faszinierend magische Weise entsteht (und von Laura Slovacek auf faszinierende Art Leben eingehaucht bekommt) – der Sieg?
Es siegt auf jeden Fall hier die Faszination, mit welchen kreativen Mitteln, mit welch einzigartigen Bildern hier auf der Bühne Geister zum Leben erweckt werden, die zuletzt auch das Publikum in Bann schlagen und den Übergang schaffen zu einem letzten großen Szenario: Es herrscht absolute Dunkelheit – furchteinflößende, unbestimmbare Stimmen und Geräusche umgeben Lisa Jakobis Versuche der Orientierung im Dunkeln und die Zuhörer – und es bleibt das eigene Empfinden, das sich diesem Moment unbestimmter Länge aussetzen muss – ohne Möglichkeit zur Einflussnahme. Wer ist hier der Proband?  
Zum Glück hatten die zehn Probanden mit Christina Morcinek eine Mentorin an der Hand, die sicher nicht nur aus der einen oder anderen Krise helfen und Ängste nehmen konnte, sondern deren kreatives und gelassenes Know-How auch deutliche Spuren in dieser gelungenen "Vorlesung" hinterlässt.
Es bleibt in dieser fruchtbaren Zusammenarbeit ein Abend in Erinnerung mit faszinierenden Momenten in einem geschickt verwobenen Handlungsrahmen – ein Flash von Bildern und Gedanken zu einem tiefsinnig erfassten Thema - Kompliment.

A. Kießling