E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium mit Lang- und Kurzform

Interview zum UKRAINE-AUSTAUSCH

„Austausch mit diesem Land könnte von besonderem Wert sein“ – nachgefragt bei Wolfgang Schubert
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Copyright für alle Bilder © Wolfgang Schubert

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Das E.T.A. Hoffmann-Gymnasium in Bamberg hat dieses Jahr eine Partnerschaft mit zwei westukrainischen Schulen aufgebaut. Den Weg von ersten Kontakten mit einer ukrainischen Studentin bis zur Reise nach Lviv/Lemberg schildert uns Wolfgang Schubert, ehemaliger Schulleiter und Mitinitiator des Austauschs.


Herr Schubert, begonnen haben die Kontakte in die Ukraine mit dem universitären Projekt Europa macht Schule: eine ukrainische Studentin arbeitete dabei mit Schüler*innen Ihres Gymnasiums zusammen und brachte ihnen ihre Kultur näher. Können Sie den Weg von dieser ersten Begegnung bis hin zur Schulpartnerschaft mit zwei ukrainischen Schulen skizzieren?

Da kamen verschiedene (günstige) Faktoren zusammen. Die Lehrerin, Angela Kestler, die sich für „Europa macht Schule“ engagierte – und das weiterhin tut – ist sehr begeisterungsfähig und voller Ideen. So mündete schon die erste Durchführung des Projekts an der Schule in einen spektakulären Elternabend, bei dem die Schüler*innen auf vielfältige Weise zeigten, wie tief sie in die ukrainische Kultur eingestiegen waren: Bräuche, Tänze, Sprache und auch Kulinarisches. Und die ukrainische Studierende, Iryna Arabadzhian, die mit ihr zusammenarbeitete, erwies sich mit ihrer positiven Ausstrahlung und ihrer immensen Einsatzbereitschaft als absoluter Glücksfall. Sie gehört bis heute zum Unterstützerteam und hat die Gruppe auch in die Ukraine begleitet. Parallel dazu erwachte bei mir, dem damaligen Schulleiter, durch private Kontakte und Unternehmungen – mein Sohn war zweieinhalb Jahre beruflich in Lemberg/Lviv tätig – das Interesse an dem Land und seinen Menschen. So reifte ganz allmählich der Wunsch nach einem Schüleraustausch mit der Ukraine. Ausschlaggebend war aber letztlich die immer intensivere, Mut machende Zusammenarbeit mit dem studentischen Verein Bamberg:UA e.V., der gleichfalls den Austauschgedanken verfolgte. Gegen Ende des Jahres 2017 kam es dann zur gemeinsamen Willensbekundung und zum Eintritt in die konkreten Planungen.


Über Europa macht Schule kann man relativ einfach „die Welt zu sich holen“. Warum sind Sie einen Schritt weiter gegangen und mit Ihren Schüler*innen daraufhin auch in die Welt hinausgegangen?

Über Europa macht Schule sind auch schon Studierende aus anderen Ländern, z.B. Italien oder China, ans E.T.A. Hoffmann-Gymnasium gekommen, ohne dass das gleich zu einem Austausch geführt hätte. Es war die oben geschilderte ganz besondere Konstellation, die zur Ausweitung führte.


Die Ukraine ist kein gewöhnliches Austauschland: Sprache und Schrift sind ungewohnt, besonders nah liegt das Land nicht und auch politisch ist es nicht ganz einfach. Was hat Sie und Ihre Kolleg*innen motiviert, den Austausch mit der Ukraine aufzunehmen und zu intensivieren?

Aus den positiven Erfahrungen mit Europa macht Schule bzw. den persönlichen Kontakten erwuchs die Überzeugung, dass ein Austausch mit diesem Land von besonderem Wert sein könnte: einem Land, das vor den Toren der EU liegt, über das viel berichtet wird, freilich selten positiv, das aber kaum jemand aus Deutschland je besucht hat; einem Land, dessen Bevölkerung aufgrund der schwierigen politischen und ökonomischen Situation alle Hoffnung in den Westen setzt, dessen Jugend aber weitaus weniger Möglichkeiten als Gleichaltrige hierzulande hat, zu reisen und sich international zu vernetzen. Damit verbunden war auch die Perspektive, dass die teilnehmenden deutschen Schüler*innen durch die zu erwartenden Erfahrungen in die Lage versetzt werden würden, über ihre eigene privilegierte Situation zu reflektieren.


Sind die Schüler*innen einfach zu motivieren für einen Ukraine-Austausch? Gibt es auch Bedenken, vielleicht auch vonseiten der Eltern, und wie können Sie diese ausräumen? Wie waren die Reaktionen nach den beiden Austausch-Begegnungen?

Hier hatte ich – im Gegensatz zu meiner Kollegin – einige Bedenken. Es gelang aber ohne große Mühe, die angestrebte Zahl von 15 Austauschwilligen auf deutscher Seite zu finden. Dazu hat sicher die Erfahrung mit Europa macht Schule beigetragen, die die meisten Teilnehmer*innen mitbrachten. Eine große Rolle spielten sicher auch die beiden Elternabende, an denen auch ukrainische Studierende mitwirkten und über ihr Land und insbesondere die Gegend, in die die Austauschreise führte, berichteten. Auf der Landkarte wurde gezeigt, wie weit das Kriegsgebiet von Lviv entfernt ist – ziemlich genauso weit wie Lviv von Bamberg. Die Eltern, die dem Austauschgedanken nähertraten, haben zum einen großes Vertrauen in die Schule und ihre Vertreter*innen, sind zum anderen aber offenkundig auch aufgeschlossen für derartiges „Neuland“ und haben wiederholt die Überzeugung geäußert, dass ihre Kinder aus dem Austausch wertvolle Erfahrungen mitnehmen können, die ihnen anderweitig nur sehr schwer zu vermitteln wären. Die Kommentare, die uns nach dem Besuch der ukrainischen Gruppe in Bamberg wie auch nach unserer Rückkehr von der Austauschreise in die Ukraine von Elternseite erreichten, zeugten durchgehend von großer Dankbarkeit für die einmalige Chance zur Horizonterweiterung, die ihren Kindern damit gegeben wurde.

 

Sie haben gleich zwei Partnerschulen in der Ukraine, die Sie auch beide in einer Austauschwoche besucht haben. Haben Sie diese Konstellation bewusst so gewählt?

Die Festlegung auf zwei Partnerschulen erfolgte auf Anraten der Studierenden und des sie beratenden ukrainisch-katholischen Pfarrers aus der in Bamberg ansässigen Gemeinde. Es hatten sich zahlreiche Schulen mit Videos „beworben“, und die Auswahl war entsprechend schwierig.
Eines der Auswahlprinzipien war, dass es sich nicht um Schulen handeln sollte, die bereits in institutionalisiertem Kontakt mit Deutschland stehen (über die Fachberater der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen bzw. über das Goethe-Institut). Lviv als Zentrum der Westukraine und Zielort des Fluges sollte wegen der dort anzutreffenden reichen Kultur vertreten sein, aber auch das „flache Land“, wo die Schüler*innen viel weniger Gelegenheit haben, in den Genuss von internationalen Kontakten zu kommen.

War es auch für die Planung und Logistik eine zusätzliche Herausforderung, so hat sich die „Doppelung“ in der Durchführung aber in mehrfacher Hinsicht als großer Gewinn erwiesen:
Unsere Schüler*innen erlebten in den zehn Tagen Stadt und Land, bekamen ein Gefühl für die Distanzen und die Infrastruktur, waren zu Gast in jeweils zwei Familien. Und die Schüler*innen aus dem Dorf Kamin am Fuße der Karpaten erhielten durch uns die Gelegenheit zu einem Besuch an einer anderen, größeren Schule im Lviver Vorort Subra und in der fernen Großstadt Lviv.
Dass sich aus diesem Anlass auch die Schulleitungen und beteiligten Lehrkräfte der beiden Schulen kennenlernten und die Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch nutzten, soll nicht unerwähnt bleiben. So kam es unter dem Strich auch zu einem kleinen innerukrainischen Austausch.


Bei den Austausch-Begegnungen standen Ihnen ukrainische Studierende von der Universität Bamberg, vom Verein Bamberg:UA e. V., zur Seite. Wie lief diese Zusammenarbeit, welche Aufgaben kamen den Studierenden zu?

Die Studierenden, deren Verein sich insbesondere der Unterstützung von Bedürftigen in der Heimat annimmt, wollen mit dem Austausch ihren jüngeren Landsleuten Hoffnung machen und ihnen ein Fenster in den Westen öffnen. Sie erleben sich als Privilegierte, da sie in Deutschland studieren dürfen.

 

Die Zusammenarbeit ist ausgesprochen konstruktiv und einvernehmlich. In beiden Austauschphasen waren Studierende maßgeblich am Gelingen beteiligt, nicht zuletzt durch ihre Dolmetsch- und Übersetzungsarbeit. Sie wechselten sich dabei ab, stets war jemand zur Stelle; insgesamt zählten ca. zehn Studierende zum engeren Unterstützerkreis. Durch sie bekam der universitäre Sektor im Rahmen des Austausches aber auch einen besonderen Stellenwert: Sowohl in Bamberg als auch in Lviv gab es an den Universitäten Führungen und Begegnungen. Schließlich lag die Organisation des Besuches in der Ukraine weitestgehend in den Händen der Studierenden, sowohl in der Planung (federführend Oksana Snihur) als auch in der Durchführung vor Ort (durch unsere Begleiterinnen Olena Buchak und Iryna Arabadzhian).
Vermutlich könnte so manches Austauschprogramm von der Zusammenarbeit mit Studierenden, möglicherweise auch in Verbindung mit „Europa macht Schule“, profitieren, beispielsweise im Hinblick auf die Studienorientierung.


Das E.T.A. Hoffmann-Gymnasium gehört zum Netzwerk der UNESCO-Projektschulen. Spielt dies für die Schulpartnerschaft mit der Ukraine und für die Grundgedanken dahinter eine Rolle?

In der Tat ist diese Zugehörigkeit eine treibende Kraft, bringt sie doch für die Schule die Verpflichtung mit sich, die Schüler*innen im Sinne der Leitlinien der UNESCO zu erziehen: Menschenrechtsbildung / Demokratieerziehung, Interkulturelles Lernen, Umwelterziehung, Globales Lernen sowie Welterbe-Erziehung.
Es liegt auf der Hand, dass das interkulturelle Lernen eine gerade auch für diesen Austausch zentrale Kategorie ist. Aber auch die Demokratieerziehung spielt eine nicht unerhebliche Rolle: Das Thema der Ukraine als junger Demokratie im Aufbruch, die durch innere (Oligarchentum, Korruption) und äußere Faktoren (Krieg im Osten, Destabilisierung) gefährdet ist, klang immer wieder an und wurde auch in den abschließenden Reflexionen aufgegriffen. Schließlich war auch der Welterbe-Status, den Lviv (Lemberg) und Bamberg teilen, ein wichtiges Hintergrundthema bei den gemeinsamen Erkundungen hier wie da. Ganz allgemein stellt das neue Austauschprogramm eine wertvolle Bereicherung der vielfältigen internationalen Ausrichtung des E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums dar.


Mit Ihrer Schulpartnerschaft nahmen Sie am Weiterbildungsprogramm Ukraine Calling teil. Inwiefern hat diese intensive Beschäftigung mit der Ukraine Herangehensweisen und vielleicht auch das Programm des Schüleraustauschs beeinflusst?

Die Teilnahme einer der beiden für den Austausch verantwortlichen Lehrkräfte an Ukraine Calling war zweifelsohne von Vorteil für den Einstieg in das neue Austauschprogramm. Zum einen lieferte sie viel Information aus erster Hand über die aktuelle politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Situation in der Ukraine. Damit ausgestattet, war meine Wahrnehmung geschärft und ich konnte die Schüler*innen vor Ort auf so manches hinweisen bzw. sie mit Hintergrundwissen ausstatten. Weiterhin lieferten die zum Teil kritischen Rückmeldungen und Nachfragen, die ich bei der Vorstellung unseres Projekts von den anderen Teilnehmer*innen der Weiterbildung erhielt, wichtige Fingerzeige, z.B. was die aktive Einbindung der Schüler*innen in die Programmgestaltung betrifft.

Die Teilnahme an dem Programm hat uns den Zugang zu einem Netzwerk von Ukraine-affinen Ansprechpartnern eröffnet, das sich sicherlich auch in der Zukunft als nützlich erweisen wird.
Schließlich und vor allem hat Ukraine Calling mir - wie vermutlich auch allen anderen Teilnehmer*innen für ihre jeweiligen Projekte - die Bestätigung dafür gegeben, mit allen, die hinter unserer Austauschidee stehen, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn dort wurde immer wieder hervorgehoben, dass eine durchgreifende positive Veränderung der Situation in der Ukraine nur über eine Stärkung der Zivilgesellschaft möglich sei – und dass jeder noch so kleine Beitrag dazu zu begrüßen sei.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Christine Bertschi.

Der Austausch zwischen dem E.T.A. Hoffmann Gymnasium Bamberg und der Schulen in Lviv und Kamin wurde möglich durch Fördergelder der Stiftung West-Östliche Begegnungen und des Bayerischen Jugendrings sowie durch private Unterstützer.
Vielen Dank!

Das gesamte Interview können Sie auch hier noch einmal nachlesen:

https://www.austausch-macht-schule.org/interview/austausch-mit-diesem-land-koennte-von-besonderem-wert-sein