E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium mit Lang- und Kurzform

Abenteuer Museum

Weder „zauberhaft“ noch „verhext“ – das Leid der Opfer von Zeil am Main und anderswo k20180720 094603

Hänsel und Gretel bringen sie im Märchen in Gestalt einer bösen alten Frau zur Strecke, Bibi Blocksberg ist ein modernes Mädchen von nebenan, bei Otfried Preußler ist sie klein und gut und eine Hermine Granger glänzt an der Seite von Harry Potter und Ron Weasley durch ihre Intelligenz und ihren Ehrgeiz … die Rede ist von „Hexen“, wie sie einem in Büchern und Filmen begegnen. Einigen dieser Gestalten ist im Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm eine Vitrine gewidmet. In einem Korb im Aktivraum kann man verschiedene Kinderbücher für die Kleinsten finden. Das ist aber auch schon alles, was diese Ausstellung, die direkt an einem historisch verbürgten Ort des Geschehens zu finden ist, mit dem schillernd-gruseligen Begriff der unterschiedlichen literarischen Verarbeitungen verbindet.

Die Klasse 7a konnte sich Ende Juli selbst ein Bild darüber machen, was es in früheren Zeiten bedeutete, als Hexe „besagt“ zu werden. Dabei ist bereits die Bezeichnung falsch, denn „Hexen“ mit übernatürlichen Kräften, die sich dem Teufel verschreiben und ihren Mitmenschen schaden, gibt es nicht. Alle der über 400 zu Unrecht eingekerkerten, brutal gefolterten und ermordeten Menschen, die im Zeiler Hexenturm namentlich dokumentiert sind, sind wie ihre Leidensgenossen überall auf der Welt unschuldige Opfer von Neid, Missgunst, Gewinnstreben, diffusen Ängsten, Machtgier, Unsicherheit und Erklärungsnot in einer Zeit, die das „finstre Mittelalter“ schon hinter sich gelassen hatte. Die Hexenverfolgungen im großen Stil, wie sie in Bamberg oder auch in Würzburg betrieben wurden, sind ein Auswuchs der sogenannten „Neuzeit“, die gegen all das vorging, was sie sich nicht erklären konnte und was ihr Gefüge und ihre Sicherheit störte, sei es die erfolgreiche Wirtin, die bildschöne und noch immer unverheiratete Jungfrau, die heilkundige Kräuterfrau und Geburtshelferin, der angesehene Bürgermeister, das dahergelaufene Bettelkind oder der geistig oder körperlich beeinträchtigte Knecht … letztlich konnte es jeden und jede treffen. „Das nächste Opfer … bist du!“, diese Botschaft wurde in Zeil mit Hilfe eines Spiegels verdeutlicht, in dem die Besucher ihr eigenes Gesicht erkennen konnten.

Opfer von Ausgrenzung, Verleumdung, Hass und Gewalt gibt es aber nicht nur in früheren Zeiten, sondern auch mitten unter uns. Dies wurde den Besuchern mithilfe einer verstörenden Bild-Ton-Installation vermittelt, die durchaus „unter die Haut“ ging, wenn man sich einige Minuten lang ernsthaft darauf einließ. Denn Unrecht geschieht überall dort, wo Menschen an den Rand gedrängt statt integriert werden, wo auf am Boden Liegende noch eingetreten wird anstatt ihnen aufzuhelfen, wo sich „Wohlstandsbeleibte“ in Luxusvillen über Unterstützungsangebote für Arme, Schwache und Verfolgte aufregen und diese am liebsten „wegwünschen“ würden aus unserer Gesellschaft, unserem Land, unserem Rechts- und Sozialstaat, nur um sich weiterhin in der Illusion zu wiegen, allein ihnen möge „die Erde untertan“ sein …

Für die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7a war es ein informativer und abwechslungsreicher Vormittag in Zeil am Main, ein außerschulischer Geschichtsunterricht vor Ort, der Impulse zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema setzte und für einen Alltag mit mehr Toleranz, Akzeptanz und Weltoffenheit warb. Er begann nach einer kurzen Zugfahrt mit einer Stadtführung, setzte sich mit einem Rundgang durch den „Hexenturm“ fort und wurde mit einer Gruppenarbeit an verschiedenen Textquellen zur Hexenverfolgung abgeschlossen, ehe es zur Belohnung - und den hochsommerlichen Temperaturen Rechnung tragend - ein leckeres Eis gab.

Bericht und Fotos: Angela Kestler