E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium

Ade E.T.A.

Das möchte ich noch loswerdenIMG 8823 kl

Vor vielen Jahren, noch im alten Jahrtausend, hat man mich an das E.T.A versetzt. Es war weder mein Wunsch, noch habe ich mich dagegen gewehrt. Ich war einfach froh, nach sechs Jahren des beruflichen Vagabundentums in ganz Nordbayern endlich eine Planstelle zu bekommen, noch dazu in Bamberg. Ich gebe es aber schon zu, dass mich mit meinem Clavius-Abitur auch eine gewisse Skepsis beschlich, ob man als junger, ambitionierter Mathe-/Physiklehrer auf dem Stephansberg adäquat untergebracht wäre. Seit zweiunddreißig Jahren sind mir diese Gedanken peinlich, denn genau das Gegenteil durfte ich erleben. Ich fand stets ungezählte Schülerinnen und Schüler vor, deren Interesse neben den Musen sehr wohl auch den Naturwissenschaften und der Mathematik galt, so dass nicht nur ständig herzeigbare Leistungen erreicht wurden, sondern im Laufe der Jahre immer wieder auch tolle Projekte durchgeführt werden konnten. Besonders stolz bin ich auf das Durchhaltevermögen meiner AG-Amateurfunk, die es mit viel Fleiß und Engagement geschafft hat, dass unsere Schule das international gültige Rufzeichen DL 0 ETA zugewiesen bekommen hat. Unter diesem Rufzeichen konnten wir ungefähr fünfzehn Jahre lang, mit einer sich immer wieder erneuernden Mannschaft, erfolgreich an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Die insgesamt etwa hundert Mitglieder dieser AG haben nach dem Abitur fast ausnahmslos eine naturwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen und verdienen ihre Brötchen in einem entsprechenden Beruf.

Im Jahr 1994 sah sich das E.T.A. mit der recht kritischen Frage konfrontiert, ob das Studienseminar weitergeführt werden solle. Die Lösung bestand in der Erweiterung des Fächerangebots. Erst kamen die Mathematik und die Physik dazu, ein Jahr später Englisch, nach einigen weiteren Jahren noch Kunsterziehung und Psychologie. Jetzt ist das Studienseminar am E.T.A. systemrelevant, sollte also so schnell nicht mehr angetastet werden. Mich traf die Rolle des Physikseminarlehrers. Als kleines, aus heutiger Sicht noch wenig erfahrenes 'Studienrädchen' baute man mich ins Seminar-Getriebe ein. Was sich dort wie herum dreht, erfuhr ich in einer Fortbildung für neu ernannte Seminarlehrer, allerdings erst zwei Jahre später. Da hatte ich meine ersten mündlichen Prüfungen schon hinter mir. Den damaligen Referendaren gegenüber habe ich heute kein schlechtes Gewissen mehr, denn es ist aus allen etwas geworden.

Die Tätigkeit im Seminar ist mir im Laufe der Zeit sehr ans Herz gewachsen, auch wenn durch weniger Klassenunterricht und die übliche Abgabe eigener Klassen an Referendare der Kontakt zu Schülerinnen und Schülern nicht mehr so intensiv war. Dafür ist die Arbeit mit jungen Erwachsenen dazu gekommen - mit dem positiven Nebeneffekt, dass ich mir nicht mehr so viele neue Namen merken musste. Leider ist landesweit die Versorgung mit Physiklehrern nicht sehr gut, was andererseits aber auch bedeutet, dass unsere Referendare vergleichsweise gute Aussichten auf eine sofortige Anstellung nach dem zweiten Staatsexamen haben. Das ist für den Seminarlehrer eine enorme Beruhigung und für ein entspanntes Klima im Seminar natürlich die beste Voraussetzung.

Jetzt, wo ich endlich einigermaßen glaube zu wissen, worauf es ankommt, ausgerechnet jetzt kommt die Obsoleszenz, ein Zustand, in dem man sich veraltet, nicht mehr gebräuchlich, hinfällig oder mindestens aus der Mode gekommen fühlt. Ein Zustand, der durch Abnutzung, Materialermüdung oder sogar Verschleiß herbeigeführt worden ist und auf den Verlust der Funktionsfähigkeit zusteuert. Es wird dann Zeit, dass man ersetzt wird durch ein neues ‚Studienrädchen‘ mit genügend Kompetenzen, um das Getriebe weiter in Gang zu halten.

Weil ich mich persönlich aber nicht wirklich nur wie ein Rädchen fühle, benutze ich anstelle des Begriffs der Obsoleszenz lieber den des ‚Ruhestandes‘. Man sagt, er wäre 'wohl verdient', man würde 'hinein versetzt' und könne ihn angeblich genießen. Mal sehen. Das Ehrenamt hat schon heftig angeklopft. Und dann gibt es da ja noch die Familie.

Was werde ich wohl vermissen, nach dem 31. Juli 2019, meinem letzten Arbeitstag? Ich denke, es werden die intensiven Gespräche mit allen an der Schulfamilie Beteiligten sein. Und es werden die Überraschungen sein, die ich immer dann erleben konnte, wenn meine Schülerinnen und Schüler mit ihrer unglaublichen Kreativität Lösungen anboten, an die ich selbst nicht einmal im Traum gedacht hatte.

Ich wünsche Euch, liebe Schülerinnen und Schüler, dass ihr weiterhin so kreativ sein könnt, dass ihr Rücksicht auf einander nehmt, damit eure künstlerischen Exponate auch künftig monatelang auf den Gängen ausgestellt werden können, ohne Schaden zu nehmen. Kämpft für eure Zukunft! Überlegt euch genau, ob man dazu wirklich die Schule schwänzen muss. Und wenn das so ist, dann macht wenigstens vorher in den Zimmern das Licht aus und Fenster und Türen zu.

Den kommenden Referendarinnen und Referendaren wünsche ich einen möglichst entspannten Vorbereitungsdienst, Wertschätzung für ihre Arbeit und eine sichere Stelle an einem Ort, den sie sich ausgesucht haben.

Den Kolleginnen und Kollegen wünsche ich das nötige Durchhaltevermögen. Meine langjährige Erfahrung sagt mir: Die Schüler werden nicht dümmer. Es sind nur jedes Jahr neue, die anfangen.

Dir, liebes E.T.A. wünsche ich, dass deine Schüler stets ihre guten Aussichten zu schätzen wissen. Deine 36.000 Quadratmeter Grün sollen auch zukünftig ihren Beitrag zum friedlichen Klima leisten und die ungute Enge wegen der Raumnot lindern helfen. Ich hoffe außerdem, dass die Stadt Bamberg dich auf Dauer ebenso wenig vernachlässigt, wie ihre Touristenattraktionen.

Zum Schluss möchte ich mich bei allen, die mit mir zu tun hatten, für das Vertrauen bedanken, das ich stets spüren konnte - und für die vielen lebenserhaltenden Kaffees und ‚Dreispitze‘ in der Mensa.

Stephan Thienel

 

Foto: Ch. Morcinek