E.T.A. Hoffmann-Gymnasium Bamberg

Musisches Gymnasium mit Lang- und Kurzform

„Ich schreib ja für niemanden. Ich schreib nur für mich!“

Lesung mit Nevfel Cumart für die Klassen 9b, 9d und 10k kIMG 7039

Vorlesen lassen sich die meisten als kleine Kinder – Bilderbücher oder Märchen, am liebsten in kuscheliger Atmosphäre. Vorlesungen gibt es nach dem Abitur an der Universität – sorgfältig aufbereitetes Sachwissen, dargeboten von Dozenten, gespickt mit Fachbegriffen. Dass eine Autorenlesung eine ganz besondere Art des „Lesens“ ist, erfuhren die knapp 50 Schülerinnen und Schüler der Klassen 9b, 9d und 10k mit ihren Deutschlehrerinnen Frau Grillmeier, Frau Kestler und Frau Ziegler bei ihrer Begegnung mit Nevfel Cumart am 20. Juni in der Aula des E.T.A.

Lustiges, Trauriges, Spannendes, Nachdenkliches, Persönliches und Politisches wurde in bunter Mischung dargeboten. Und wie bei vielen Lesungen des Autors mit türkischen Wurzeln stand der Kontakt mit dem jugendlichen Publikum im Vordergrund, das sich trotz der drückenden Hitze und des Baustellenlärms amüsierte, zum Nachdenken und Fragen angeregt wurde - und fast zu vergessen schien, dass es hier eigentlich um Gedichte ging. Nevfel Cumarts Gedichte sind auch nichts zum Auswendiglernen, sie berühren durch die Sprache ihrer Bilder, die Schönheit der Worte, die Melodie des Vortrags und die Tiefe der Gedanken. Und dennoch kann man sie verstehen, egal ob als Neunt- oder Zehntklässler, auch ohne lange Erschließung von Form, Inhalt und Aussageabsicht des Dichters.

Viele der Gedichte sind in einen biographischen Kontext eingebunden, sei es „Die Höhle“, ein Bild für die erste Studentenbude, oder „Meine erste Liebe“ über die letztlich aussichtslose Beziehung zu einem deutschen Mädchen gegen den Willen sämtlicher Erwachsener. Da der Autor zu Schulzeiten zu schreiben begann, durfte er bereits als Gymnasiast vor Gleichaltrigen Lesungen halten, zwischen Schulstunden und Klausuren. Dass man es als Kind von türkischen „Gastarbeitern“ schaffen kann, sich über Abitur, Zimmermannslehre und Studium der Orientalistik (Turkologie, Arabistik, Iranistik und Islamwissenschaft) „nach oben“ zu lernen, weniger aus Ehrgeiz als aus Wissensdurst, beeindruckt. Dass man als deutscher Autor mit „fremdländischem“ Aussehen in seinem Heimatland immer wieder mit „kaputtem Deutsch“, erhobener Stimme und „du“ angeredet wird, obwohl die Liste von Auszeichnungen mit Preisen und Anerkennungen für das literarische Werk immer länger wird, zeigt das Gedicht „Fremdgeblieben“. Heimat und Fremde, diese Themen finden sich in vielen der Texte, aber auch Reiseeindrücke, Liebe, die Tochter Amelia (genannt „Wüstenakazie“) sowie Reaktionen auf politische und gesellschaftliche Probleme.

Interessiert lauschen die Schülerinnen und Schülern den jeweiligen Einführungen und Kommentaren, voll von Anspielungen und Lebensweisheiten, humorvoll verpackt, stets dicht am Publikum, das sich fesseln lässt und mitgeht. 18 Gedichtbände sind es mittlerweile, die der in Bamberg wohnende Autor geschrieben hat, obwohl es manchmal sehr lange dauern kann, bis ein Gedicht nach langer Entstehungszeit fertig ist – von fünf Wochen bis zu mehreren Jahren. Mit Lyrik allein kann ein Schriftsteller in Deutschland nicht über die Runden kommen. Aufsätze, literarische Essays, Übersetzungen gehören zum „täglichen Brot“. Mehr noch als vom „geschriebenen Wort“ leben die meisten Autoren jedoch vom „gesprochenen Wort“ bei Lesungen, Vorträgen, Schreibwerkstätten oder Seminaren, sodass das Unterwegssein zum Alltag gehört. Viele Anekdoten über einzelne Veranstaltungen zeigen, dass Nevfel Cumart auf seinen Reisen nicht nur verschiedene Gegenden besucht, sondern auch ohne Berührungsängste Bildungseinrichtungen aller Art mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft. Und das, obwohl er doch eigentlich „nur für sich“ schreibt. Dennoch und vielleicht gerade deshalb kommen seine Gedichte an.

Nach zwei viel zu schnell verflogenen Schulstunden wurde der Autor mit seinen Gedichtbänden unter dem Arm, einem frisch gebackenen Apfelkuchen als Geschenk in der Hand und herzlichem Applaus sowie einem ganz dicken Dankeschön von Frau Kestler, welche die Lesung organisiert hatte, verabschiedet.

(Angela Kestler)